Minister Wiederkehr schrieb eine Email an alle Mittelschulen zum Plan, den Schüler:innen erst ab der 6. Schulstufe digitale Endgeräte zur Verfügung zu stellen. Unter anderem steht in dem Text zu lesen, dass unsere Schüler:innen aktuell nicht nur digital grundgebildet werden, sondern auch zu viel Zeit mit Spielereien auf diesen Geräten verplempern. Wir haben dem etwas zu entgegnen.
Ein Brief vom Minister – und warum viele Kolleg:innen verärgert sind
angesichts der bekannten Budgetsituation können wir nachvollziehen, dass auch im Bildungsministerium gespart werden muss. Dass man nach Stellen sucht, wo es am wenigsten wehtut. Das ist legitim – und das würden wohl die meisten von uns auch so sehen.
Aber warum kann man das nicht einfach sagen?
Stattdessen erreicht uns eine Mail von Minister Wiederkehr, der die Verschiebung der Geräteausgabe im Rahmen der Digitalen Grundbildung mit einer Fülle scheinpädagogischer Argumente begründet – Formulierungen, die bei näherer Betrachtung einer Herabwürdigung unserer täglichen Arbeit gefährlich nahekommen.
Wir haben uns entschieden: Ärgern ist der falsche Weg. WIr versuchen es mit einer Analogie.
Denn die Begründungen im Ministerbrief sind so universell einsetzbar, dass sie auf nahezu jedes Unterrichtsfach passen. Kolleg:innen haben sie einfach auf den Schwimmunterricht umgelegt – und siehe da, es klingt genauso überzeugend:
„Unser Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler bestmöglich auf die Anforderungen einer wassersicheren Welt vorzubereiten. Dabei steht künftig noch stärker die Qualität des Schwimmlernens im Mittelpunkt. Internationale Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass erfolgreiches Schwimmen nicht allein von der Verfügbarkeit eines Schwimmbeckens abhängt. Entscheidend ist vielmehr, dass Wasser altersgerecht, strukturiert und pädagogisch sinnvoll in den Unterricht eingebunden wird.
Internationale Studien belegen, dass Schülerinnen und Schüler im Wasser bis zu 40 Prozent der Unterrichtszeit mit irrelevanten Aktivitäten wie Planschen und Tauchen verbringen. Konzentration und Lernleistung leiden.
Vor diesem Hintergrund wird die Ausgabe von Badehosen und Badeanzügen künftig vom Beginn der 5. Schulstufe auf das zweite Semester der 6. Schulstufe verlegt.
Diese Anpassung schafft in den ersten eineinhalb Jahren mehr Raum für jene grundlegenden Kompetenzen, die für den weiteren Bildungserfolg besonders wichtig sind: Lesen, Schreiben, Konzentrationsfähigkeit und der Aufbau einer starken Klassengemeinschaft.
An der Bedeutung des Schwimmunterrichts ändert sich nichts."
Natürlich ist das überspitzt. Aber genau das ist der Punkt.
Denn im Original klingt es tatsächlich so. Der Minister schreibt etwa, dass „digitale Geräte direkte Interaktion und Kooperation erschweren" und der Aufbau von Klassengemeinschaft leide – als ob das eine Erkenntnis wäre, die wir als Lehrerinnen und Lehrer nicht längst kennen und täglich im Unterricht berücksichtigen würden.
Er schreibt, dass Schülerinnen und Schüler „bis zu 40 Prozent der Unterrichtszeit mit Spielen und Social Media verbringen" – als ob das ein Argument gegen Geräte wäre und nicht eines für guten Unterricht. Und als ob wir nicht genau dafür ausgebildet wären: pädagogisch sinnvollen Medieneinsatz zu gestalten.
Am Ende steht dann der Satz, die Verteilung der Wochenstunden könne „schulautonom frei gestaltet werden" – was in der Praxis bedeutet: Die Verantwortung für die Umsetzung einer eingeschränkten Ressource wird elegant an die Schulen weitergereicht.
Wir respektieren, dass Budgetentscheidungen schwierig sind. Aber wir erwarten, dass man uns als Fachleute ernst nimmt – und nicht mit pädagogischen Scheinargumenten abspeist, die unsere Kompetenz und unser tägliches Engagement in Frage stellen.
In diesem Sinne – bleibt kritisch, bleibt humorvoll.
